We Are Plastic (Crash Tokio)

Veröffentlichung: 15.11.2004, Medium: CD

Viel zu lange schon habe ich es hinausgezögert, eine Rezension über das Album zu schreiben, das seit Wochen bei mir nonstop im CD-Player läuft, nämlich "We Are Plastic" von Crash Tokio. Vier junge Personen aus München, drei Männer und eine Frau, zeigen auf diesem Album, dass sie für eins geboren sind: zum Musizieren!

Den Anfang machen machen sie mit dem Titelsong "We Are Plastic" und legen auch gleich locker mit einem kleinen Schlagzeugsolo los. Das geht ins Ohr, genau wie der Rest, der elektronisch angehaucht sofort zum Mitwippen animiert. So singen sie: "We are plastic and so are you [...] we are lovesick and this is true [...] It's up to you, sing me something new!" Alles klar. Der Text führt zunächst zu einigen Stirnrunzeln und man überlegt sich, ob man sich jetzt schon Interpretationsansätze ausdenken sollte, aber warum jetzt schon theoretisch werden, wenn die Praxis, nämlich die Musik, übrigens mit Tobias Kuhn (Miles, Monta) als Gastsänger, so mitzieht?! So lauscht man lieber dem Lachen der Bassistin Nina und freut sich, wenn am Ende doch alles gut wird, wenn Sänger Pese verspricht: "I will care for all of you, I will care for everyone!".

Also guten Gewissens auf zum nächsten Lied, das da heißt "Thousand Dollar Fire". Schon bei den ersten Takten verspüre ich den Wunsch, dieses Lied live zu sehen und zu hören und dazu gehörig zu tanzen. Der Bass brennt sich in alle Körperteile und die Melodie wirkt so aufputschend, dass ich nicht mehr still sitzen kann und mich regelrecht zurückhalten muss. Dazu singt Pese so lässig den von Nina geschriebenen Text, dass ich jedes Wort betont und überzeugt mitsingen möchte, obwohl ich noch niemals in Paris war und noch nicht ganz schlüssig bin, was dieses "Thousand Dollar Fire" überhaupt bedeutet, aber DAS ist Rock 'n' Roll! And yes, I want to burn!

Mit dem dritten Lied wird es vergleichsweise etwas ruhiger, "Time And Time" ist der Name. Eingeleitet wird es ebenfalls durch das Schlagzeug und etwas zögerlich wird darüber gesungen, dass der Protagonist unglücklich ist und meint: "If nothing is real then all is true!" Zwischenmenschliche Beziehung können gewaltig zerstörerisch sein, das wissen wir alle, aber warum jetzt? Das Gesangsduett von Pese und Nina tröstet aber über die leise aufkommende Enttäuschung hinweg, in dem sie hingebungsvoll "Time and time is all you need" singen - passt! Das Lied klingt sehr elektronisch aus und die Spannung auf das nächste Lied steigt.

Dieses heißt "Such A Chase" und beginnt ganz sanft und ruhig mit Gitarre und Gesang. Schon wieder ein ruhiges Stück? Ja! Aber dieses Lied ist so wundervoll, dass ich nur noch völlig fasziniert und emotional fertig mit dem Kopf schüttele. "Such A Chase" ergreift mich und will mich nicht wieder loslassen, es dringt langsam in mich ein ("If this is real life, give me fake"), packt mich bei meinem Herzen ("If it's up to me, all will break") und obwohl ich versuche, mich dagegen zu wehren ("Everyone I know shies away from being alone"), merke ich, wie ich hilflos werde ("Maybe it's some kind of disease, one we don't know") und bei meiner Lieblingsstelle "I say trace me, make me bulletproof, I say love me, I'm the same as you" wieder einmal schmerzerfüllt zusammenzucke und dieses Gefühl am liebsten lauthals herausschreien möchte. Über fünf Minuten eine Achterbahn der Gefühle und ich ertappe mich dabei, wie ich zum dritten Mal auf Wiederholung drücke.

Anders verhält es sich bei "Stop Stop Stop", dem nächsten Lied. Hier rocken Crash Tokio wieder mit viel Tempo los und Pese singt mit verzerrter Stimme "Oh my god, are we normal enough for the good life? Hate to say we're not!" Crash Tokio zeigen, dass sie nicht nur gut, sondern auch laut spielen können. Einfach toll!

Auch bei dem nächsten Lied, "It's Alright", wird kräftig weitergerockt. Eine langes instrumentales Intro beweist einmal wieder, dass Crash Tokio mit viel Herzblut bei der Sache sind und man hat das Gefühl als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Die Spannung steigt, bis schließlich der Gesangspart einsetzt, bei dem sich ein Chor, bestehend aus Schlagzeuger Sebastian, Bassistin Nina und Gastsänger Thomas Lang von The Robocop Kraus, mit Sänger Pese abwechselt. Nun gibt es kein Halten mehr, das Haupt muss geschüttelt und mit dem Hintern gewackelt werden, denn nicht nur der Gesang, auch das Riff geht durch Mark und Bein und beschwört zum Tanzen, Hüpfen und Instinkte rauslassen. I am you, I am you, I am you, I'll go anywhere!

Etwas besinnlicher wird es dann wieder bei "Safe In Here". Mit viel Gefühl und Melodie zeigen Crash Tokio, dass wir hier sicher sind und bleiben sollten. In der Tat bin ich mir bereits an dieser Stelle sicher, dass ich diesem Album und vor allem dieser Band verfallen bin, also schließe ich die Augen und freue mich über die etwas ruhigeren Gesangparts, in denen Pese singt: "I will wipe all those tears of your sad face, there is nothing to fear, because we're safe in here", und glaube ihm jedes Wort. Dann: Ein Gitarrensolo, ein wunderschöner bandinterner Kanon und plötzlich Kinderstimmen, die den Sänger bis zum Ende des Liedes unterstützen. Ich bin glücklich. Diese Musik macht einfach glücklich!

Schließlich folgt "Year And A Day", das wieder sehr gitarrenlastig losgeht. Bereits die Musik zeigt, dass hier ein Aufbruch beschrieben wird und so wird es auch besungen: "Let's get away for a year and a day, just and me until it's over". Weg von dem Kapitalismus, weg von der Menschheit, weg von allen Krankheiten, die das Leben mit sich bringt - auf in die Zufriedenheit und die Glückseligkeit, in ein besseres Leben. Die Musik wirkt mahnend und antreibend und es entsteht eine perfekte Harmonie zwischen ihr und dem Gesang. Glanzleistung. Eine verdammt tanzbare Glanzleistung!

Leicht und beschwinglich wirkt dagegen "To Anyone We Love", mit dem Crash Tokio seit einiger Zeit ihre Konzerte beginnen. Eine schöne Melodie und dann die klare Aussage: "This is fact not fiction. Full of contradiction. Words don't mean a thing." - das sitzt. Um Liebe geht es. Und Liebe ist fair, das sagen Crash Tokio. Ich glaube ihnen und gebe mich einfach hin. Crash Tokio scheinen zu wissen, wovon sie singen und sie wissen noch mehr, was sie da musikalisch veranstalten. "Perfektion" kreist immer wieder in meinem Kopf und ich drehe die Anlage noch ein bisschen lauter. Das geht unter die Haut, das fördert sämtliche Glücksgefühle und ich kann nicht aufhören zu lächeln. Bravo!

Nach den ersten neun Liedern dieser Platte kommt nun das ruhige zehnte und letzte Lied, "All Stars Are Set", und lädt zum Hinsetzen, Augen schließen und Wegträumen ein. Eine Ballade, ein musikalisches Meisterwerk in jeder Hinsicht. Wer noch gezweifelt hat, dürfte spätestens jetzt überzeugt sein, dass es Crash Tokio an Gesangskünsten nicht mangelt, denn Sänger Pese zeigt sich sehr stimmsicher und singt dabei "You don't say a word - we sink, we sink, we sink, yeah we fall down. You don't change the world, we sink, we sink, we sink, yeah we fall down. [...] Come on and shine on us". Einfach wunderschön.

Allein das letzte Lied macht diese LP zu dem, was sie ist: Ein Geniestreich einer noch kleinen Band aus Bayern. Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, sie hätten sämtliche Lieder mit meinem Blut geschrieben, so aufrichtig berühren mich die Musik und die Texte. "We Are Plastic" ist in meinen Augen das größte Geschenk, das allen Musikliebenden 2004 gemacht werden konnte - vielen Dank Crash Tokio!

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