Subversive Zeiten - The Story of Crass (Georg Berger )
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Es gibt wenige Bands, die mich beeindrucken. Sie müssen musikalisch und textlich mir irgendwie reinlaufen. Meine zwei verstaubten Livetapes mit extrem krachigen Aufnahmen, veranlassten mich eher immer den Schwarzeneggersachen (am Gesang ebenfalls Steve Ignorant) den Vorzug zu geben.
Auf Tipp eines Freundes habe ich mir das Buch "Subversive Zeiten – Die Crass Story" von Geoge Berger bestellt. Hinterher noch "Shibboleth – My revolting life" von Penny Rimbaud nachgeschoben.
Die Bücher erzählen eine Menge, über die Entstehung der Musik und die Einbettung in einen Lebenskontext. Ende der 60iger mietete Penny Rimbaud ein verrottetes Haus in Epping (Essex). Irgendwann beschloss der Lehrer der Kunsthochschule das Haus als offenes Haus zu öffnen. Es entstand Anfang der 70iger Exit, ein experimentales Musikprojekt. Das Publikum konnte direkt an den Aktionen auf der Bühne teilnehmen. Nachdem sich Penny Rimbaud von Gee Vaucher getrennt hatte, schrieb er Christ Reality Asylum, eine Auseinandersetzung mit dem Tod seines Freundes Wally Hope. Als der bedeutend jüngere Steve Ignorant in die verwaiste Kommune kam, gründeten sie das Projekt "Stormtrooper". Im Laufe der Zeit entstand in der Selbstversorgerkommune ein Musikprojekt, welches nach einer Textzeile von David Bowie, den Namen "Crass" erhielt.
Die chaotischen Auftritte, exzessive Abende geschwängert mit Alkohol und Amphetaminen, zog immer mehr Leute an, in einer Zeit, da der Punk bereits als tot galt. Zeit sich neu zu erfinden, dachten sich die Bandmitglieder, während sie tagsüber den Salat in ihrem Garten anbauten.
Mit dem Artwork von Gee Vaucher entstand ein Projekt, welches sich nicht um die Musikindustrie kümmerte, mit ihrer politischen Aussage Millionen von Menschen erreichten und die frühen 80iger in England extrem prägten. Ihre Musik war gekoppelt mit Aktionen. So entwickelte Gee Vaucher den Crassschriftzug für Schablonen, die für politische Parolen dienten. Die drastische Darstellung der Cover und Plakate, sollte die Leute aufrütteln, sollte die Menschen zum Handeln bewegen. Immer wieder versuchten Crass darzustellen, dass ihre provokante, aggressive Aussage nicht der Frustration entsprang, sondern einem Willen der gesellschaftlichen Veränderung, der auf Liebe und Mitgefühl basierte.
Die Abneigung gegen die große Musikindustrie führte zu der Gründung des Plattenlabels "Crass Records". Dort wurden auch befreundete Bands veröffentlicht.
Bei dem Bekanntheitsgrad von 2 Millionen verkauften Platten, ließ die staatliche Repression nicht auf sich warten. In einem Gerichtsprozess wurde die Bandkasse geräumt, da alles für eine Strafe aufgebracht werden musste, da die Texte als moralisch anstößig bewertet wurden.
Eine Tonbandschnipselaufnahme im Crass-Studio, entstanden unter größter Geheimhaltung, wurde über Holland an sämtliche Zeitungen geschickt. Die Aufregung war groß, da die verhasste Thatcher in einem Gespräch mit Reagan den absichtliche Untergang eines englischen Schiffes während des Falklandkrieges gestand und somit die toten englischen Soldaten auf ihr Konto nahm. Reagan drohte in dem (imaginären) Telefonat, dass er Europa mit Atombomben beschießen wolle. Das Band war so gut, dass es dem KGB zugerechnet wurde. Schließlich fand ein Reporter die richtige Spur und Crass bekannte sich zu der Aufnahme.
Im Laufe der Jahre wurde immer wieder versucht, die Band wegen ihrer großen Popularität von politischen Gruppen zu instrumentalisieren. Aus dem Grund hielt es die Band für nötig, durch aussagekräftige Fahnen sich nach Rechts und nach Links abzugrenzen. Später nahm die IRA, die RAF und der KGB Kontakt zu der Band auf. Sie mussten ebenso enttäuscht abziehen, wie die Vertreter der großen Musikindustrie. Nicht nur Kommune, Selbstversorgung, Musik, politische Aktionen, sondern auch Film, Literatur gehören zu Crass.
In dem Buch "Subversive Zeiten – The Story of Crass" von Georg Berger heißt es, Penny Rimbaud habe niemals den Tod seines Freundes Wally Hope verwunden. Nach Pennys eigener Aussage, war das Verhältnis keine so enge Bindung. Er schreibt, der Tod von Wally habe ihm die staatliche Skupellosigkeit noch mehr vor Augen gehalten. Wally war ein Freak, vielleicht ein Zauberer, der das Stonehenge Festival begründete. Nach Rimbauds Aussage sah er ihn wild gestikulierend im Garten des Dial Houses, in einem kleinen Schneesturm mitten im Hochsommer. Wally, der ständig unterwegs war, besetzte Stonehenge und wurde schließlich vor Gericht gezehrt. Schließlich kam er in die Psychiatrie und ging dort an den Medkamenten zugrunde. Er wurde entlassen und war nur noch ein Häufchen Elend. Gee und Penny versuchten ihn aus der Anstalt zu entführen, da sie begriffen, dass er dort kaputt ging. Wally wollte nicht. Als der einstmals lebenslustige Freak wieder draußen war, verstarb kurz darauf, in dem er an seinem Erbrochenen erstickte. Penny Rimbaud führt seine Untersuchung zu den Ereignissen und dessen Tod in seinem "Shibboleth" aus. Er ist bei allen Unklarheiten davon überzeugt, dass Wally umgebracht wurde.
Das Ende von Crass beschreibt Steve Ignorant als Befreiung, da Crass gesagt hatte, was gesagt werden musste. Die Crass-Mitglieder wurden überall auf ihre politische Glaubwürdigkeit geprüft (Schuhe z.B.). Auch für den Gitarristen Andy Palmer war es Zeit Schluß zu machen. Das Leben in der Kommune, das enge Zusammenleben in der Band. Jeder musste sich neu ordnen und erst einmal wieder "wissen wer man selber ist...". Auch Penny Rimbaud beschreibt die große Leere die nach der Auflösung in ihm herrschte. Er zog sich zurück und schrieb in der Zeit.
So hat sich vermutlich eine der bedeutendsten Punkbands aufgelöst. Ich persönlich würde gern das Dial House einmal besuchen. Dass die Homepage keine Emailadresse angibt, weil die Kommune die Flut an Mails nicht mehr beantworten konnte, zeigt, welche Aktualität die Band heute noch hat. Ich will jedenfalls einen Brief schreiben. Sollte ich Antwort erhalten, werde ich es im Daily Atrocity vermerken.